Wie viele Nichtchristen wissen, was an Pfingsten gefeiert wird? Wie viele Ihrer Freunde können den Unterschied zwischen evangelischem und katholischem Glauben erklären? Selbst theologisch Kundige wissen oft nicht, was den Glauben von Pfingstlern von ihrem eigenen unterscheidet.
2023 war erstmals weniger als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland Mitglied einer der christlichen Volkskirchen, zusammen knapp 40 Millionen. In den 1950er Jahren waren es noch mehr als 60 Millionen. Zwar ist das Kirchensteueraufkommen wegen einer positiven Wirtschaftsentwicklung und steigender Löhne gewachsen, sodass in den Kirchenleitungen oft wenig Reformbedarf erkannt wurde. Das Reformpapier zur „Kirche der Freiheit“ von 2006 blieb nach dem Amtsende des EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Wolfgang Huber stillschweigend weitgehend folgenlos. Doch inzwischen erfordern die sinkenden Mitgliederzahlen kirchenpolitische und ganz glaubenspraktische Antworten. Denn mit der Mitgliederzahl sinkt auch die Relevanz der Kirchen in der Öffentlichkeit. Das ist noch kein Grund zum pauschalen Klagen: Schließlich sind die Kirchen in Deutschland noch immer große Institutionen. Und auch andere Gruppen wie politische Parteien und Gewerkschaften verzeichnen Mitgliederverluste.
Unkenntnis über Glaubensthemen wächst
Das ist alleine noch nicht schlimm, hat aber Folgen. Denn wo die Kirchenbindung quantitativ und qualitativ nachlässt, da wachsen Unkenntnis oder gar Unverständnis. Es sind häufig die kirchlichen Riten selbst, die nur noch von Wenigen vollzogen und von einer wachsenden Zahl von Menschen abgelehnt werden. Der regelmäßige Besuch eines christlichen Gottesdienstes wird weithin belächelt, gelegentlich als intellektuell minderwertig diffamiert. Dabei fehlt im öffentlichen Diskurs häufig das Befreiende der christlichen Botschaft. Stattdessen werden Kirchgänger zuweilen als tumbe Ewiggestrige verhöhnt.
Das hat Gründe, an denen die Kirchen nicht unschuldig sind: Die entsetzlichen Missbrauchsfälle haben die Autorität insbesondere der römisch-katholischen Kirche stark beschädigt. Und das fokussierte Kümmern evangelischer Funktionäre um diesseitige Themen wie Tempolimit, erneuerbare Energien oder alternatives Wirtschaften hat das Einzigartige der Kirche ins Hintertreffen gebracht: Jesus Christus als Retter der Welt und als unser Erlöser.
„In Zukunft wird es darauf ankommen, Unterschiede der Denominationen zurückzustellen und öffentlich mehr von der Freiheit der Christenmenschen zu erzählen.“
Gerade die Frommen im Land werden zunehmend kritisch unter die Lupe genommen, weil das Vertrauen auf die Transzendenz des Glaubens a priori verdächtig ist. Nun mag Weltflucht ein Problem manch frommer Gemeinden sein. Ich halte die Gottvergessenheit für das weit größere Problem unserer Gesellschaft. Hinzu kommen wenige Journalisten, die Einzelfälle kirchlichen Fehlverhaltens grundlos verallgemeinern und (aus Unwissen oder Böswilligkeit?) brave evangelikale Christen in Deutschland mit heißblütigen Trump-Fans in den USA kurzschließen. Der Verweis von Kirchenkritikern auf die Kreuzzüge als angeblichen Beleg für die Gewaltherrschaft des Christentums wirkt 800 Jahre später altbacken. Und wo in Berichten über Christen oder christliche Institutionen Presseregeln verletzt, Vorverurteilung betrieben oder keine Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben wurde, ist professionelle Krisenkommunikation nötig.
Von der befreienden Botschaft erzählen
Es wird Zeit, dass Christen verschiedener Glaubensrichtungen zusammen für ihren Glauben eintreten. Ich will theologische Differenzen nicht herabwürdigen. In den letzten Jahrzehnten schien interne Abgrenzung oft wichtiger zu sein. In Zukunft wird es darauf ankommen, Unterschiede der Denominationen zurückzustellen und öffentlich mehr von der Freiheit der Christenmenschen zu erzählen. Denn Glauben bedeutet eben gerade nicht, lebensfeindliche Regeln einzuhalten, sondern zunehmend frei zu werden von den Zwängen und Abhängigkeiten, die das heutige Leben teilweise prägen: Bin ich schön genug? Werden meine Posts in den sozialen Netzwerken geliket? Brauche ich zwei Gläser Wein, um den Arbeitsdruck oder das Alleinsein auszuhalten? Gegen solche Zeichen der Unfreiheit ist der christliche Glaube zwar kein Allheilmittel. Unbestritten ist aber: Glaube macht widerstandsfähiger gegen so manche Versuchung. Denn wer darauf vertraut, dass Gott selbst Frieden stiftet, Gerechtigkeit spricht und Erlösung schenkt, der muss nicht alles selbst leisten.
Dass Christen von dieser Freiheit ihres Glaubens erzählen, macht das Christentum zu einer wachsenden Gemeinschaft in China, Südamerika, Afrika – nur nicht in Europa. Klar gesagt: Deutschland ist ein Missionsland. Und Mission ist Menschenrecht – nur weiß das kaum jemand. Artikel 9 Absatz 1 der Europäischen Menschenrechtskonvention erklärt ausdrücklich: „Jede Person hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung zu wechseln, und die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung einzeln oder gemeinsam mit anderen öffentlich oder privat durch Gottesdienst, Unterricht oder Praktizieren von Bräuchen und Riten zu bekennen.“
Deswegen ist es Zeit, dass Christen sich das Weitersagen der guten Botschaft in Deutschland gemeinsam vornehmen. Denn Kirche ist nicht für sich selbst da. Wie wäre es, wenn Christen von Tür zu Tür zu gehen und zum Lagerfeuer im Gemeindegarten einladen? Wo können Nachbargemeinden gemeinsame Glaubenskurse im Stadtteil durchführen und von Jesu guter Botschaft berichten? Auf welchem Weihnachtsmarkt singen wir bekannte Adventslieder und laden Besucher zum Mitsingen ein? Wo erzählen wir davon, was sich in uns und unserem Leben verändert hat, weil wir Gott kennen und er uns? Wie wäre es, wenn wir Christen einfach mehr über das Verbindende unseres Glaubens redeten, weniger davon, was uns trennt? Die Frommen arbeiten zwar häufig überkonfessionell – aber mit noch zu geringer Wirkung und nicht selten mit gewisser Distanz der großen Kirchen.
Mehr gute Nachrichten in den Medien
Das gilt auch für die Medienarbeit und die mediale Wirkung. Die Christliche Medieninitiative pro steht seit 50 Jahren dafür, mehr Evangelium in die Medien zu fördern. Wir reden über gute Beispiele gelebten und kommunizierten Glaubens. Wir vernetzen Journalisten und Medienmacher, führen Tagungen und Netzwerktreffen durch. Die „publicon“-Medienakademie unseres Vereins bietet differenzierte Schulungsangebote für Einzelpersonen, Gemeinden und Institutionen, für Ehrenamtler und für Profis an. Und wir zeichnen mit unserem Medienpreis „Goldener Kompass“ gute journalistische Berichte über Menschen aus, die ihren Glauben im Alltag leben.
Warum arbeiten Christen nicht enger zusammen? Lasst uns Freuden und Leiden unseres Lebens mit Nachbarn, Kollegen, Freunden und Bekannten teilen. Recherchierbare Informationen über christliche Lebens- und Glaubensformen, Nachrichten zu christlichen Themen, Lebensbilder zum Nachlesen und Nach-Schauen, gemeinsame Evangelisationsprojekte, Bibellesen wiederentdecken und vieles mehr. Und vergesst das gemeinsame Feiern nicht! Wenn wir Christen im gesellschaftlichen und auch im medialen Raum wieder an Relevanz und Wirksamkeit gewinnen wollen, sollten wir zusammenrücken. Falls Petrus an der Himmelspforte steht, wird er sicher nicht fragen: Welche Denomination? Sondern nur: Kennst du Jesus? IHN sollen alle Menschen kennenlernen. Dafür gilt der alte Leitspruch: Gemeinsam sind wir stark. |
